Presse
Interview Prof. Ludwig

Im Experteninterview, das im Stiftung Rechnen Newsletter erscheint, berichten Matheexperten aus erster Hand über aktuelle Themen rund ums Rechnen.
Ausgabe 04/2011
Matthias Ludwig ist Professor für Didaktik der Mathematik in der Sekundarstufe an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Auf dem Gebiet des forschenden und entdeckenden Lernens kennt er sich bestens aus – seit seinem Schuldienst nach dem Studium ist er Befürworter dieses Ansatzes. Deshalb unterstützt er auch das Programm Mathe.Forscher das die Stiftung Rechnen gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung durchführt, gefördert durch die PwC-Stiftung.
Was fasziniert Sie an der Mathematik?
Mit Mathematik kann man die Welt besser verstehen und erklären; sie ist international und universal.
Haben Sie eine Idee, warum Mathe in weiten Teilen der Bevölkerung ein schlechtes Image hat oder warum der eine oder andere damit kokettiert, früher in der Schule in Mathe nicht gut gewesen zu sein und es trotzdem geschafft zu haben?
Wahrscheinlich sind diese Leute gar nicht stolz drauf, schlecht in Mathe gewesen zu sein, sondern sie schämen sich ein bisschen dafür. Und dann kommt es eben zu so einer leicht pubertären Reaktion. Das schlechte Image kommt vielleicht daher, dass es genau diesem Teil der Bevölkerung verweigert wurde, eventuell durch interessanten Unterricht oder Vorbilder Mathematik zu verstehen, obwohl sie sie verstehen wollten. Das schlechte Image ist sozusagen dem Wunsch geschuldet, die Mathematik zu verstehen.
Hatten Sie mal ein Schlüsselerlebnis, was Zahlen bzw. Mathematik angeht?
Dass ich Mathe kann und auch gut vermitteln konnte, merkte ich das erste Mal in der 11. Klasse. Analysis fand ich super und ich hatte Spaß daran, anderen ein Lächeln zu entlocken das auf ihren Gesichtern zu sehen war, wenn sie meinen Erklärungen lauschten. Da wusste ich: Das ist es, was ich später machen möchte.
Was ist „forschendes Lernen“ genau und was ist das Besondere daran?
Beim forschenden Lernen gehen die Schülerinnen und Schüler einer auf den ersten Blick relativ eng gesteckten mathematischen Frage nach. Diese Frage entpuppt sich aber als so facettenreich, dass hier jeder Schüler seine eigenen persönlichen mathematischen Erlebnisse hat und hierzu weiterführende individuelle Fragen in die unterschiedlichsten Richtungen formuliert. Man entwickelt dabei seine eigene, persönliche Mathematik, ähnlich einem eigenen Text im Deutschunterricht oder einem eigenen Bild im Kunstunterricht.
Sie haben über neun Jahre an verschiedenen Gymnasien unterrichtet. Welches Projekt aus dieser Zeit haben Sie in besonders guter Erinnerung und warum?
Meinem Lieblingsprojekt, welches ich das erste Mal am Gymnasium Marktbreit mit einer 9. Klasse durchgeführt habe, war die Fragestellung vorausgegangen, wie man naturwissenschaftliche Technik mit humanistischer Bildung zusammenbringen kann. Es entwickelte sich hierbei seitens der Schüler die Idee, kleine Heißluftballone in Form der platonischen und archimedischen Körper zu bauen. Es war fantastisch zu sehen wie durch die Motivation der Schüler ihr mathematisches, technisches und künstlerisches Geschick wuchs und sie ihr Projektprodukt mit glänzenden Augen voller Befriedigung in den Himmel aufsteigen sahen in der Gewissheit, dass es ihr Werk war.
Fänden Sie es gut, wenn Schüler mathematische Inhalte künftig ausschließlich über forschendes Lernen erschließen würden?
Ich denke, dass forschendes Lernen oder projektbasiertes Lernen eine Unterrichtsform unter vielen sein muss, die der Mathematiklehrer beherrschen soll, um zeitgemäßen Mathematikunterricht zu gestalten. Der Vorteil dieser Unterrichtsform ist die starke Identifikation der Lernenden mit dem Projektthema und die hohe Motivation. Als Nachteil werden oft der Zeitbedarf und manchmal das außercurriculare Lernen gesehen. Für mich sind das aber keine Nachteile, denn länger über etwas Neues nachzudenken kann nicht schaden.
Wir nehmen an, dass Ihr Herz in erster Linie für die Mathematik schlägt. Welches ist Ihre zweitgrößte Leidenschaft? Und die drittgrößte?
Die erste große Leidenschaft gilt natürlich meiner Frau. Aber nach der Mathematik kommt gleich der Sport und hier im Besonderen der Fußball. Vor allem wenn mein FCN wieder einmal international spielt, aber da muss ich wahrscheinlich noch lange leiden.
Wann haben Sie sich mal so richtig verrechnet?
Im Staatsexamen, Fachgebiet theoretische Physik, aber irgendwie konnte ich das wieder ausgleichen.
Gab es Phasen in Ihrem Leben, in denen Sie etwas anderes als Mathematik machen wollten?
Während meines Lehramt Studiums war ich mehr auf Physik konzentriert und hatte viel Spaß an den Experimenten, aber irgendwann hat die Mathematik Oberhand gewonnen und seitdem verdiene ich mein Geld damit.
Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Die Welt ohne Mathematik wäre…
… leise , dunkel und kalt.

