Stiftung Rechnen: Presse

Presse

Interview Prof. Ziegler

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Ausgabe 01/2010

Über mathematische Kompetenz im Alltag und den Mathe-Monat Mai sprechen wir in dieser Ausgabe mit Prof. Günter M. Ziegler, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Rechnen und Mathematikprofessor an der TU Berlin.

 

Was an der Mathematik fasziniert Sie? Beschreiben Sie uns bitte Ihre erste Begegnung mit der Mathematik?

Ich habe schon als Kind Spaß am Rechnen gehabt – das erinnere ich, und das bestätigen auch meine Eltern. Da hat mich die Präzision fasziniert, die Vielfalt der Fragen und Antworten – und dass das manchmal richtig schwierig sein kann. Mein Einstieg in die Mathematik als Wissenschaft lief dann über den “Bundeswettbewerb Mathematik” und “Jugend forscht”: zwei wunderbare, ganz unterschiedliche Wettbewerbe, die sich lohnen.


Warum engagieren Sie sich für die Stiftung Rechnen?

Weil mich das Engagement der Stiftung Rechnen begeistert – sie ist ein großartiger Partner, um Spaß am Rechnen, Interesse an Mathematik und Freude am Knobeln zu vermitteln. Wenn wir das kommunizieren können, haben wir einen ganz wichtigen Beitrag geleistet.

 

Mathematik im Alltag – die wird doch immer mehr von Rechnern, Handys, Apps und Co. erledigt. Wofür sind mathematische Kompetenzen überhaupt noch wichtig?

Wer sich im Alltag auf die Apps und Handys verlässt, ist den Rechenfehlern,den Denkfehlern und den Betrügern hilflos ausgeliefert. Ich glaube, das Wurzelziehen kann man den Taschenrechnern überlassen,aber wir werden andauernd mit Summen, Prozentzahlen, Preisen und Zinsen bombardiert, denen wir “ansehen” müssen, ob sie plausibel sind. Mein Taschenrechner hat keinen Schalter auf dem “plausibel?” steht. Und mein iPhone hat kein plausibel-Applet drauf.

 

Nach Ergebnissen der Studie „Rechnen in Deutschland“ haben viele Menschen eingesehen, dass Mathematik wichtig im Alltag ist. Dennoch kokettieren viele Leute damit, schlecht in Mathe gewesen zu sein. Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht liegt das an der besonderen deutschen Tugend, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen? Aber man soll’s nicht übertreiben: Wer nicht rechnen kann, ist für die meisten Berufe nicht zu gebrauchen. Und während mancher das “In Mathe war ich immer schlecht!” von einem Politiker vielleicht sympathisch findet, verliert es schnell den Charme, wenn man’s als “Das Denken war noch nie so meine Stärke” übersetzt.

 

Gibt es ein Mathe-Gen, das man hat oder nicht hat?

“Mathe” ist so vielfältig, dass ein einzelnes Mathe-Gen gar nicht ausreicht, weder als Ausrede, noch als Voraussetzung zum Mathe-Machen oder zum Spaß-Haben an Mathe. Ich glaube, dass schon dem Einen die Zahlen mehr liegen, der Anderen Geometrie mehr Spaß macht, der Eine hat Freude am Kniffligen, der Anderen helfen Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltewillen beim Mathe-Machen. Auch wer sich in die Abenteuer der Mathe-Forschung begibt, braucht als Erstes Interesse, Freude daran, Energie, Übung, Fleiß – und dann sicher auch spezielles Talent. Aber Rechnen (wie das in der Schule gelernt wird) kann Jeder. Und Jede. Davon bin ich überzeugt.

 

In ihrem neuen Buch „Darf ich Zahlen?“ präsentieren Sie Mathematik als abenteuerliche Gedankenreise, die Spaß am Rechnen vermittelt. Mathe ist also nicht nur trocken und schwer?

Mathe ist auch voller bemerkenswerter Geschichten – und die will ich erzählen. Das sind Geschichten von Zahlen, von Orten, von Menschen, von Preisen, von Wettrennen, und von spannenden Rekord-Rechnungen. All das ist nicht trocken oder schwer, sondern interessant und faszinierend (und manchmal unglaublich). Der Mathe-Monat Mai steht vor der Tür. Welche Veranstaltungen empfehlen Sie allen Mathebegeisterten? Der Mathe-Monat Mai besteht aus vielen verschiedenen Aktionen in der ganzen Republik, von Augsburg bis Lübeck. Da empfehle ich nicht nur, mitzumachen, ich bin auch selbst dabei: An meiner Universität, der TU Berlin, ist am 8. Mai “Tag der Mathematik”, da berichte ich über mathematische Rekordjagden. Und am 31. Mai schließen wir den Monat mit dem zweiten Magdeburger Mathe-Nachts-Traum, da bin ich mit einer Lesung aus “Darf ich Zahlen?” dabei.